Aufgewachsen in Armut mit einer alleinerziehenden Mutter, nachdem sein Erzeuger seine Wut und Gewalttätigkeit an seiner Familie ausgelassen hat, hüpft Wes von einer schlechten Angewohnheit zur nächsten, schwänzt die Schule und terrorisiert andere Kinder gemeinsam mit seinen beiden besten Freunden. Doch als er mehr und mehr erkennt, dass er sein großes Geheimnis seiner Sexualität wahrscheinlich nicht mit diesen beiden Freunden teilen kann, begibt er sich auf eine Suche danach, wer er eigentlich ist. Neben der Lederjacke, dem Skateboard und dem Metal auf voller Lautstärke. Und wie er auf andere wirken möchte.
Skater Boy ist die Geschichte über einen Jungen auf der Suche nach sich selbst. Über Erwartungen, Prägungen, Männlichkeitsbilder und Queerfeindlichkeit. Und das setzt Anthony Nerada wirklich gut um. Wes bei dieser Reise zu begleiten, war total schön und vor allem zu merken, wie viel Veränderung von ihm selber ausgegangen ist, ohne dass er irgendeinen Veränderungsdruck von Außen hatte - einen Anstoß vielleicht, aber keinen Druck. Dass er realisiert hat, was Mobbing und sein Verhalten mit anderen anrichten können.
Wes ist ein starker Protagonist, der einem am Anfang wirklich unsympathisch ist, und der trotzdem Schritt für Schritt weichere und empathische Seiten entdeckt. Das Buch wird auch als queere Romance beworben, das ist es in meinen Augen aber eigentlich nicht. Es gibt natürlich einen romantischen Anteil, aber der Fokus liegt definitiv auf Wes' Entwicklung. Für eine Romance hätte man den Konterpart deutlich besser kennenlernen müssen, und auch einzelne Dinge, die passiert sind, würde ich noch ein Stück kritischer sehen. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass Tristan Wes sehr wohl verändern und besser in sein Lebensumfeld passend gestalten wollte, auch wenn die beiden das gegen Ende abtun. Aber wie gesagt, die Romance ist nicht der Hauptteil des Buchs. Auch die Entwicklung von Wes' Freundschaften fand ich sehr organisch und auch schön ausgestaltet, ich habe zwar von der Fotografiegruppe nicht viel an distinktiven Persönlichkeiten gesehen, aber das muss vielleicht auch nicht sein. Wie die Gruppe in ihrer Homogenität war, war das Relevante. Aber Tony und Brad haben mir wirklich gut gefallen.
Ich habe das Buch auf Deutsch gelesen (vielen Dank für das Rezensionsexemplar an dieser Stelle), und habe da tatsächlich ein paar Anmerkungen zur Übersetzung, die mir teils störend aufgefallen sind. Das Wichtigste für mich als nichtbinäre Person war die Übersetzung von Skye's Pronomen. Skye nutzt im Englischen they/them Pronomen, und das wurde im Deutschen mit den Neopronomen sier/sien umgesetzt. Es gibt im Deutschen keine perfekte Lösung, aber mit den Deklinationen von sier/sien im Schriftlichen (aus ihr/sein wird etwa sies) tue ich mich sehr schwer, bzw. habe das Gefühl, dass das eher Lesende abschreckt - was der Sache natürlich nicht gut tut. Man hätte einfach bei they/them bleiben können, das wird auch im Deutschen immer geläufiger, oder eben mit der deutschen Übersetzung dey/denen/deren arbeiten können, die auch zwei schon existente Pronomen nutzt.
Außerdem wurde viel mit Anglizismen gearbeitet ("Willst du mein Boyfriend sein?", "die Straßen sind um diese Zeit total busy", "Bros, was macht ihr denn hier?"), die ich sehr anstrengend fand (obwohl ich sonst auch viel mit Anglizismen um mich schmeiße), weil es einfach in meinen Augen elegantere Übersetzungen gegeben hätte. Und es ist im Deutschen eigentlich schon länger etabliert, Schwarz als Beschreibung für (das Aussehen von) Personen großzuschreiben, wie es im Englischen auch gemacht wird - weil es eben kein Adjektiv ist, das die Farbe der Haut beschreibt, sondern ein konstruiertes Zuordnungsmuster beschreibt, übrigens auch laut sämtlichen Glossaren für diskriminierungsfreie Sprache. Es kann sein, dass das im Original auch nicht gemacht wurde, aber das hätte man bei der Übersetzung meines Erachtens nach trotzdem tun sollen.
Übrigens finde ich das deutsche Cover zwar wunderschön, aber es ist für die Geschichte in meinen Augen nicht ganz passend, weil der Fokus nicht auf der Romance liegt.
Das war jetzt viel Gerede über die Übersetzung, dabei war die Geschichte an sich wirklich schön und verdient als eine von mittlerweile zum Glück einigen queeren Coming of Age Geschichten, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, Aufmerksamkeit!

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