Samstag, 25. Januar 2025

Sind wir noch zu retten? Warum sich im Rettungsdienst zeigt, was in unserer Gesellschaft schief läuft (Luis Teichmann)

Luis Teichmann, seines Zeichens Rettungssanitäter und sogenannter Rettfluencer (er ist also Influencer zum Thema Rettungsdienst), konnte mich schon mit seinem ersten Buch "Einsatz am Limit" begeistern. Ich habe seinen Podcast Retterview immer gerne verfolgt und seine humoristischen Reels auf Instagram natürlich sowieso. Sein erstes Buch zeigt die Probleme des Rettungsdiensts auf der organisatorischen Ebene auf und klärt darüber auf, was sich politisch verändern muss, wenn wir weiterhin den Luxus von Rettung innerhalb weniger Minuten haben wollen. Das war super spannend, gut strukturiert und ich habe wirklich viel gelernt. Daher habe ich mich auch sehr auf das zweite Buch gefreut. 

"Sind wir noch zu retten? Warum sich im Rettungsdienst zeigt, was in unserer Gesellschaft schief läuft" wird mit der Diskussion gesellschaftlicher Verwahrlosung und Verrohung beworben, die eben besonders im Rettungsdienst auffällt. Und das wird auch teilweise abgefrühstückt (inklusive besonderen, wie von Luis gewohnt empathisch geschilderten Momenten), jedoch ist das Buch insgesamt eher ein Flickenteppich an Einsatzstories und daraus folgend wirkt der Titel so, als hätte man erst die Einsatzstories gesammelt, die man gerne erzählen würde und dann geschaut, unter welchem Titel sich das irgendwie zusammenfassen lässt. Der Flickenteppich wird auch durch die kurzen Unterkapitel deutlich, die teilweise nur eine Seite einnehmen. Durch die fehlende Konsistenz ist es mir total schwer gefallen, in das Buch reinzukommen und dann auch drin hängen zu bleiben, weshalb ich auch vier Monate (statt meiner üblichen 1-2 Tage) für das Buch gebraucht habe. Es klang strukturell und irgendwo auch inhaltlich (Ich-Perspektive, Springen von Einsatzstory zu Einsatzstory) einfach nach einem verschriftlichten Podcast - wovon sich sicher Leute abgeholt fühlen, aber ich mag das in schriftlicher Form einfach nicht. Deshalb habe ich auch mehrfach nachgeschaut, ob es das Buch doch schon als Hörbuch gibt, da hätte das für mich wahrscheinlich besser funktioniert. 

Außerdem hat das erste Buch einen aktivistischen Ausblick gegeben, während das hier sehr niederschmetternd ist (was bei der Thematik auf jeden Fall auch wichtig ist, um der Dramatik der Situation, die tausenden Einsatzkräften täglich begegnet wird, gerecht zu werden), und vor allem - und das hat mich am meisten gestört - irgendwie ohne "Okay, das können wir jetzt tun" zum Ende auskommt, lediglich ein FSJ-Aufruf bzw. fast ein (was ich vollkommen unterstütze) Aufruf für ein verpflichtendes soziales Jahr, passiert auf den letzten Seiten. Es lässt die Lesenden mit einem tendenziell mulmigen Gefühl zurück, dass sich eh nichts ändern kann.

Ich hätte mir zudem sensitivity readers gewünscht, denen teils schwierige, in Schubladen steckende Formulierungen insbesondere in den Abschnitten der Gäste (Luis macht das nämlich gut) aufgefallen wären, oder Ausdrücke wie "sozial schwach" statt "finanziell schwach" oder "sozial segregiert". Generell hat sich der Schreibstil irgendwie holprig angefühlt, auf der einen Seite erzählt Luis den Lesenden direkt und berichtet auch von seiner Gefühlswelt dabei, etwa seinem Helfersyndrom, auf der anderen Seite fühlt sich die Sprache total distanziert und unflüssiger an, als ein verschriftliches Gespräch wäre.

Mit fortgeschrittener Seitenzahl hat mich immer mehr das Gefühl beschlichen, dass das ein typischer Fall von "Das erste Buch hat sich gut verkauft, also braucht es ein zweites" ist. Und das tut mir total leid für Luis, weil er wirklich viel zu erzählen und auch bezüglich einer Systemreform zu sagen hat, aber das wars irgendwie nicht für mich. Allerdings sind einige der Einsatzgeschichten wieder super spannend gewesen und insbesondere das Aufzeigen der Probleme mit gefährlichen Hierarchien im Rettungsdienst und dem PsychKG bzw. dessen Umsetzung hat mir sehr gut gefallen. Ich kannte zwar schon ein paar der Fälle, von denen Luis erzählt, aus seinen Instagram Reels, aber insbesondere die Relevanz eines Notfallpasses und einer Patientenverfügung wurde wieder wirklich gut dargelegt. 

Inhalt also eigentlich gut, die Form lässt zu wünschen übrig. 

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